Frühmittelalter

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Der Artikel Frühmittelalter gehört zur Kategorie: Zeitalter, Mittelalter
Unter dem Begriff Frühmittelalter wird ein in der Mediävistik gebrauchter, nicht exakt umrissener Zeitraum zwischen dem Ende des 6. Jahrhunderts und dem Beginn des 11. Jahrhunderts verstanden, wobei die Anfangszeit höchst umstritten ist. Man spricht daher lieber von einer Übergangsphase, die, je nach Interpretation und betrachteter Region, zwischen dem späten 5. und dem frühen 7. Jahrhundert liegt. In diesem Zeitraum wandelte sich die spätantike-mediterrane Welt hin zu einer, die man als das so genannte europäische Mittelalter bezeichnet.

Die Transformationsphase der spätantiken Welt

Der folgende Abschnitt stellt nur eine stark verkürzte Zusammenfassung dar; zu Details sei auf den Artikel Spätantike hingewiesen.

In der Zeit der ausgehenden Spätantike und der Völkerwanderung stießen germanische und slawische Stämme nach Westen vor und wurden mit der Kultur der Antike und dem Christentum konfrontiert. Dort, wo die Kultur des Römischen Reiches lange Zeit bestanden hatte, wurde sie von den Germanen zumindest teilweise aufgenommen, so dass, obwohl der römische Staat im Westen langsam zerfiel, die antike Kultur weiterbestand und mit ihr auch einige wirtschaftliche und soziale Strukturen. Auch nach dem Ende des weströmischen Kaisertums 476 bzw. 480 blieb die Idee des Imperium Romanum lebendig. Der oströmische Kaiser Justinian konnte weite Teile des alten Westreichs zeitweilig wieder seiner Herrschaft unterwerfen, und noch bis etwa 600 sahen sich die germanischen Nachfolgestaaten im Westen nominell als Untertanen des einzig souveränen Herrschers, des oströmischen Kaisers. Der letzte Zug der spätantiken Völkerwanderung erfolgte 568. Erst danach ist ein beschleunigtes Verschwinden spätantiker Elemente in Westeuropa zu beobachten. Doch noch 200 Jahre später war die Idee des weströmischen Kaisertums so wirkmächtig, dass Karl der Große seine Erneuerung versuchte.

Der spätrömische Staat war recht stark bürokratisiert und zentralisiert gewesen (siehe dazu Spätantike). Da mit ihm auch die übergeordnete Herrschaftsgewalt und die vereinheitlichten Verwaltungsstrukten verloren gingen, bildeten sich neue Herrschaftsstrukten heraus, die auf der germanischen Tradition der Personenverbände basierten. Eine Adelsschicht bildete sich heraus, die auf der Grundherrschaft gründete, d.h. auf Recht über Haus und Grund und allen darauf lebenden Personen. Diese Macht wurde auf die Verwandtschaft ausgedehnt, später auch über die eigentlichen Familien hinaus, bis hin zu hierarchischen Strukturen, an dessen Spitze der König stand.

Gesellschaft, Kirche, "Staat"

Die frühmittelalterliche Gesellschaft war agrar- und naturalwirtschaftlich geprägt. Im Vergleich zur Antike verloren Handel und Geldwirtschaft an Bedeutung, wenn auch die moderne Forschung betont, dass es neben den Brüchen in bestimmten Bereichen durchaus auch Kontinuität zur Spätantike gegeben hat.

Die römische Gesellschaft war stark arbeitsteilig organisiert gewesen, Wirtschaft und Handel waren von intakten Fernhandelswegen abhängig. Mit dem Zusammenbruch des weströmischen Staates zerfiel auch dieses empfindliche System, und die nun wieder auf lokale Märkte angewiesenen Menschen hatten nicht mehr das technische Know-How, um die Errungenschaften der Antike weiter zu pflegen. Es fehlte an Spezialisten, ohne die eine hochentwickelte Gesellschaft nicht bestehen kann. So gingen im 5. bis 7. Jahrhundert zahlreiche literarische Werke verloren, vor allem aber sank das Niveau der materiellen Kultur unter den Stand vor der römischen Eroberung: Um 600 lebte ein Bauer an Rhein oder Themse also weitaus primitiver als seine Vorfahren um Christi Geburt.

Als der Staat weitgehend zerfiel, blieb die Kirche die einzig übergeordnete Institution. Allerdings wurde auch hier die Macht fragmentarisiert; viel Macht lag bei den Bischöfen, die oft von den lokalen Grundherren eingesetzt wurden, und das Papsttum hatte sich noch nicht herausgebildet. Die wesentlichen Träger der Kultur und des Wissens waren die Klöster der Benediktiner und die Kirche. Das Lesen und Schreiben beherrschten meist nur Angehörige des Klerus. Kultur hieß überwiegend Bereitstellung und Systematisierung des vorhandenen Wissens und das Kopieren von Werken antiker Autoren. Beim Wissen wurden auch praktische Aspekte aus der Antike tradiert, z.B. Obstbau und Weinbau.

Die geschichtlichen Personen und Ereignisse des 7. bis 10. Jh. (siehe dazu unter anderem Frankenreich, Angelsachsen, Deutschland im Frühmittelalter) sind größtenteils aus den vielen handschriftlichen und datierten Dokumenten der Mönche aller Länder Europas bekannt, die in mühsamer Fleißarbeit die geschichtlichen Zusammenhänge aufschrieben. Ihnen sind im Grunde genommen unsere Erkenntnisse über die Geschichte zu verdanken, ebenso, dass die uns bekannten Ereignisse jener Zeit dokumentiert wurden, so dass größtenteils ihre Sicht unser Bild dieser Epoche (wie auch jeder anderen) geprägt hat und kritisch hinterfragt werden muss. Auch die zeitliche Einordnung bedeutender Gelehrter des frühen Mittelalters wie beispielsweise Beda Venerabilis, Einhard usw., deren Werke nur in Abschriften späterer Zeiten vorliegen, ist wissenschaftlich nicht unumstritten.

Auch im Oströmischen Reich (Byzanz) fand der Übergang zur frühmittelalterlichen Kultur statt, wenn er sich auch in anderen Bahnen vollzog, da im Osten die antike Kultur stärker fortbestand als im Westen. Beschleunigt wurde die Entwicklung des oströmischen Reiches hin zum "Byzantinischem Reich" durch die Islamische Expansion um 640, wodurch Byzanz seinen spätantiken Charakter weitgehend verlor und ebenfalls ins Mittelalter eintrat.

Siehe auch

Literatur

  • Roger Collins: Early Medieval Europe 300-1000. 2. Aufl., New York 1999, ISBN 0312218869.
  • Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter. 500-1050. Ulmer, Stuttgart 2003 (Handbuch der Geschichte Europas 2), ISBN 3-8001-2790-3.
    Eine ganz vorzügliche Einführung mit Forschungsteil und reichhaltigen Literaturangaben, die zudem Europa als gesamtgeschichtlichen Raum wahr nimmt.
  • Friedrich Prinz: Von Konstantin zu Karl dem Großen. Entfaltung und Wandel Europas. Düsseldorf und Zürich 2000, ISBN 3-538-07112-8.
    Gut geschriebene Darstellung, welche vor allem die Kontinuitäten und Brüche der Spätantike zum Mittelalter hin rausarbeitet.
  • Bryan Ward-Perkins: The Fall of Rome and the End of Civilization. Oxford 2005, ISBN 0-10-280564-9.
    Lesenswerte Darstellung des Endes des Weströmischen Reiches, wobei Ward-Perkins diesen Prozess im Gegensatz zu anderen Historikern wieder als brutalen Einschnitt, ausgelöst durch germanische Invasionen, versteht.

Weblinks



Diese Definition bzw. Erklärung des Begriff Frühmittelalter und dessen Bedeutung wurde zuletzt am 8.2.2006 aktualisiert (Glossar Lexikon Enzyklopädie).


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