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Der Artikel Wannseekonferenz gehört zur Kategorie: Geschichte des Holocaust, Kriegsverbrechen, Nationalsozialismus, Rassismus, 1942
Auf der am 20. Januar 1942 im Gästehaus des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD am Berliner Wannsee streng geheim abgehaltenen Konferenz besprachen fünfzehn hochrangige Vertreter der SS, des Reichssicherheitshauptamtes, der NSDAP und verschiedener Ministerien die Kooperation bei der geplanten Deportation und Ermordung der europäischen Juden ("Endlösung der Judenfrage"). Ursprünglich sollte die Konferenz bereits am 9. Dezember 1941 stattfinden, wurde aber kurzfristig, wohl aufgrund der Kriegserklärung an die USA, verschoben.
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Blick von der Wannseebrücke auf den Wannsee Bildherkunft |
Die heute als Wannseekonferenz bezeichnete Besprechung wurde von Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes geleitet. Dieser wurde bereits am 31. Juli 1941 auf Anregung Adolf Hitlers von Hermann Göring in dieser Angelegenheit mit der Ausarbeitung eines "Gesamtentwurfes" beauftragt. Adolf Eichmann schrieb als Leiter des Gestapo-Referats IV B 4 (zuständig u.a. für "Juden- und Räumungsangelegenheiten") alle Einladungen, lieferte Heydrich die Vorlagen und fertigte schließlich das Protokoll an. Insgesamt wurden 30 Ausfertigungen dieses Protokolls angefertigt, wovon bis zum heutigen Tag nur das Exemplar von Martin Luther, der 1942 Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt und Teilnehmer der Konferenz war, aufgefunden wurde. Erst im Laufe der Vorbereitungen für den "Wilhelmstraßen-Prozess" in Nürnberg wurde dieses Dokument 1947 in Geheimakten des Auswärtigen Amtes gefunden. Offenbar entging es nur durch die Tatsache, dass Luther aufgrund eines Putschversuches gegen Außenminister Ribbentrop im KZ Sachsenhausen inhaftiert war der Vernichtung. Das Protokoll dokumentiert mit erschreckender Deutlichkeit den Plan zur rationalisierten Ermordung aller europäischen Juden und die effektive Beteiligung des nationalsozialistischen Staatsapparates an diesem industrialisierten Völkermord. Die Wannseekonferenz war allerdings nur ein bürokratischer Vorgang zur Klärung von Zuständigkeiten der beteiligten Stellen und der Eingrenzung des zu ermordenden Personenkreises. Die "Endlösung der Judenfrage" wurde hier also nicht "beschlossen", wie es oft falsch behauptet wird: die Wannseekonferenz diente der Deutlichmachung der Federführung durch das Reichssicherheitshauptamt und der Versicherung des Einverständnisses und der Kooperation der beteiligten Stellen. Die "Endlösung" konnte selbstverständlich nicht durch untergeordnete Personen, sondern nur auf allerhöchster Ebene beschlossen werden; zudem war zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz der Völkermord schon im vollen Gange, bis zu diesem Zeitpunkt hatten Heydrichs Einsatzgruppen bereits an die 370.000 Juden durch Erschießungsaktionen in den deutsch besetzten Ostgebieten ermordet. Dieser ersten Wannseekonferenz auf Staatssekretärsebene folgten zwei Nachfolgekonferenzen auf Referenten-/Arbeitsebene zur Klärung weiterer Fragen. Diese fanden am 6.3.1942 und 27.10.1942 im Referat IV B4 von Adolf Eichmann in der Berliner Kurfürstenstraße statt.
Dr. Josef Bühler drängte Heydrich auf der Wannseekonferenz, die Aktionen im Generalgouvernement zu beginnen, weil er hier keine Transportprobleme sähe und »die Judenfrage in diesem Gebiete so schnell wie möglich zu lösen« wünschte.
Der "Endlösung", dem größten geplanten und ersten industriellen Massenmord der Geschichte, fielen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges rund sechs Millionen Juden - Jude hier im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie verstanden - zum Opfer.
Teilnehmer
- SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (Reichssicherheitshauptamt, Stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren)
- Gauleiter Dr. Alfred Meyer (Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete)
- Reichsamtsleiter Dr. Georg Leibbrandt (Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete)
- Dr. Wilhelm Stuckart (Staatssekretär im Reichsministerium des Innern)
- Dr. Erich Neumann (Beauftragter für den Vierjahresplan)
- Dr. Roland Freisler (Staatssekretär im Reichsjustizministerium)
- Dr. Josef Bühler (Staatssekretär im Amt des Generalgouverneurs in Krakau)
- Dr. Martin Luther (Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt)
- SS-Oberführer Gerhard Klopfer (Ministerialdirektor der Parteikanzlei der NSDAP, Leiter der Staatsrechtlichen Abteilung III )
- Ministerialdirektor Friedrich Wilhelm Kritzinger (Ministerialdirektor der Reichskanzlei)
- SS-Gruppenführer Otto Hofmann (Chef des Rasse- und Siedlungshauptamt der SS)
- SS-Gruppenführer Heinrich Müller (Chef des Amtes IV (Gestapo) des Reichssicherheitshauptamt)
- SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Leiter des Referats IV B 4 (Auswanderung und Räumung) beim Reichssicherheitshauptamt)
- SS-Oberführer Dr. Karl Eberhard Schöngarth (Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im Generalgouvernemt)
- SS-Sturmbannführer Dr. Rudolf Lange (Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD für Lettland in Vertretung seines Befehlshabers)
Inhalte
In der Konferenz wurden folgende Inhalte erörtert und in einem Protokoll festgehalten:- Übertragung der Abwicklung auf die SS
- "freiwillige" Sterilisation von "Mischlingen 1. Grades", die im Reich verbleiben wollen, ansonsten Behandlung als Jude gleichgestellt
- Gleichstellung von "Mischlingen 2. Grades" mit "Deutschblütigen", die bei auffälligem jüdischem Aussehen oder bei schlechter polizeilicher und politischer Beurteilung wie Juden zu behandeln wären
- Deportation der Juden als Zwangsarbeiter zu Arbeitseinsätzen im Osten (insb. Straßenbau), wobei "ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen" werde
- "entsprechende Behandlung" des "widerstandsfähigsten Teils", da dieser bei Freilassung als "Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus" anzusehen wäre
- Zwangsauflösung von Ehen zwischen Juden und Nichtjuden
- "Überstellung" von über 65jährigen Juden, jüdischen Schwerkriegsbeschädigten und Trägern militärischer Auszeichnungen ab dem Eisernen Kreuz I. Klasse ins Ghetto des KZ Theresienstadt
Gedenk- und Bildungsstätte
In den Räumen der Villa wurde 1992 die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz eröffnet. Im Erdgeschoss des Hauses informiert die Dauerausstellung "Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden" über den Prozess der Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung der Juden zwischen 1933 und 1945 sowie über die während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten durchgeführte Ghettoisierung, Deportation und Ermordung der europäischen Juden im deutschen Einflussbereich.Verfilmungen
Bereits zweimal war die Wannseekonferenz Thema eines Spielfilms:
* Die Wannseekonferenz (BRD 1984) Seit Okt. 2005 als DVD lieferbar
Die Darsteller:
- Reinhard Heydrich: Dietrich Mattausch
- Gauleiter Dr. Alfred Meyer: Harald Dietl
- Reichsamtsleiter Dr. Georg Leibbrandt: Jochen Busse
- Dr. Wilhelm Stuckart: Peter Fitz
- Dr. Erich Neumann: Dieter Groest
- Dr. Roland Freisler: Rainer Steffen
- Dr. Josef Bühler: Reinhard Glemnitz
- Dr. Martin Luther: Hans-Werner Bussinger
- SS-Oberführer Gerhard Klopfer: Günter Spörrle
- Ministerialdirektor Friedrich Wilhelm Kritzinger: Franz Rudnick
- SS-Gruppenführer Otto Hofmann: Robert Atzorn
- SS-Gruppenführer Heinrich Müller: Friedrich G. Beckhaus
- SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann: Gerd Böckmann
- SS-Oberführer Dr. Karl Eberhard Schöngarth: Gerd Riegauer
- SS-Sturmbannführer Dr. Rudolf Lange: Martin Lüttge
- Regie: Heinz Schirk
* Die Wannseekonferenz (USA 2001) (US-Originaltitel: Conspiracy)
Die Darsteller:
- Reinhard Heydrich: Kenneth Branagh
- Gauleiter Dr. Alfred Meyer: Brian Pettifer
- Reichsamtsleiter Dr. Georg Leibbrandt: Ewan Stewart
- Dr. Wilhelm Stuckart: Colin Firth
- Dr. Erich Neumann: Jonathan Coy
- Dr. Roland Freisler: Owen Teale
- Dr. Josef Bühler: Ben Daniels
- Dr. Martin Luther: Kevin McNally
- SS-Oberführer Gerhard Klopfer: Ian McNeice
- Ministerialdirektor Friedrich Wilhelm Kritzinger: David Threlfall
- SS-Gruppenführer Otto Hofmann: Nicholas Woodeson
- SS-Gruppenführer Heinrich Müller: Brendan Coyle
- SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann: Stanley Tucci
- SS-Oberführer Dr. Karl Eberhard Schöngarth: Peter Sullivan
- SS-Sturmbannführer Dr. Rudolf Lange: Barnaby Kay
- Regie: Frank Pierson
In beiden Fällen wurde die Länge des Films der Länge der historischen Konferenz angepasst, und ist demnach 85 Minuten lang. Das Drehbuch beider Filme ist die zum größten Teil detailgetreue Rekonstruktion der bei der Konferenz geführten Dialoge.
Zur Frank Pierson-Produktion ist zu beachten, dass beispielsweise Kritzinger als Zweifler dargestellt wird, was der Realität keineswegs entsprach. Zwar kann man in ihm nicht den klassischen Antisemiten sehen, jedoch hat er, ähnlich wie die anderen auf der Konferenz anwesenden, im Nationalsozialismus Karriere machen können – obwohl er die Juden nicht hasste, hat er fleißig und willfährig an ihrer Vernichtung mitgewirkt – als Schreibtischtäter. Auch kann man bei den vielen Pausen, die während der Konferenz, zumindest laut Darstellung der Version von Frank Pierson, gemacht wurden, eher von dramaturgischer Inszenierung denn von historischer Realität ausgehen - die Anwesenden gingen nicht derart oft nach draußen, um ein paar Häppchen zu nehmen.
Die Drehbücher zum Film wurden der 'Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz' im Vorab gezeigt; diese wies auf einige Fehler hin. Es zeigte sich jedoch, dass die Produzenten von ihrer ursprünglichen Idee, einen dokumentarischen Film zu machen, abwichen - entstanden ist ein Film mit, wie oben gesagt, sehr spannungsfördernden Elementen.
Auch war die Wannseekonferenz in einer Szene der 4teiligen TV-Serie "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiß" zu sehen, allerdings mit nur 2 der 15 Teilnehmer (Heydrich und Eichmann).
Literatur
- Mark Roseman: Die Wannsee-Konferenz. Wie die Bürokratie den Holocaust organisierte. Ullstein Verlag, München/Berlin 2002, ISBN 3548364039. - Übersetzung der englischen Originalausgabe The Villa, The Lake, The Meeting (Penguin Books, 2002). - Gut lesbare Übersichtsdarstellung, geschrieben zur Einführung für das angelsächsische Lesepublikum. Lesenswert auch ein kurzer Aufsatz im Anhang von Norbert Kampe: Überlieferungsgeschichte und Fälschungsvorwurf. Anmerkungen zum Faksimile-Anhang, in dem auf fehlerhafte vorherige Darstellungen kurz eingegangen wird, die Revisionisten für ihre Zwecke auszunutzen versuchten.
- Christian Gerlach: Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden. In: Christian Gerlach: Krieg, Ernährung Völkermord. Deutsche Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, S. 79-152. Pendo, Zürich/München 2001, ISBN 358424048. - Erweiterte Fassung eines bahnbrechenden Aufsatzes, in dem Gerlach die endgültige Entscheidung zur Vernichtung aller europäischen Juden anhand einer internen Rede Hitlers auf den 12. Dezember 1941 datiert. (Siehe dazu etwa diese Rezension von Götz Aly.)
- Johannes Tuchel: Am Großen Wannsee 56-58. Von der Villa Minoux zum Haus der Wannsee-Konferenz. Publikationen der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Bd. 1, Edition Hentrich, Berlin 1992, ISBN 3894680261. - Sorgfältig gearbeitete Geschichte des Hauses.
- Kurt Pätzold/Erika Schwarz: Tagesordnung: Judenmord. Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Eine Dokumentation zur Organisation der "Endlösung". Metropol-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3926893125. - Fachwissenschaftlich gesehen, zum Teil überholt. Abdruck zahlreicher Dokumente, als kommentierte Edition nicht immer sorgfältig genug.
Siehe auch
- Protokoll der Wannsee-Konferenz bei Wikisource
- Holocaust
- Konzentrationslager
- Nationalsozialismus
- Antisemitismus
- Völkermord
- Aktion Reinhardt
- Madagaskarplan
- Auswärtiges Amt
Weblinks
- http://www.ghwk.de/ Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
- http://www.ghwk.de/deut/pro... Protokoll der Konferenz, mit Faksimiles des Originals als PDF-Dateien
- http://www.ghwk.de/deut/tex... Texte zur Wannsee-Konferenz, u.a. Vorträge von Historikern und Protokolle der Eichmann-Verhöre
- http://www.shoa.de/wannsee_... kurze Beschreibung bei www.shoa.de
- http://www.dhm.de/lemo/html...
- http://www.forumjustizgesch... (Mitwirkung von Juristen bei der WK)
Diskussion der Autoren über den Artikel: Wannseekonferenz
Frage: Wie kann man das alles wissen wen diese besagte Konferenz *streng* geheim war?
Man wird doch nicht Protokolle gefunden haben, wenn sie streng geheim ist?
von Benutzer Trainspotter wurde der der Zusatz "zumeist jüdischen Glaubens" gestrichen als überflüssig. Das ist nicht ganz richtig, weil Jude an sich nach dem Selbstverständnis der jüdischen Glaubensangehörigen verstanden wird, die Nazis aber deutlich darüber hinausgingen (zB auch Christen). Zahlen sind mir nicht bekannt, darauf dürfte es aber auch nicht ankommen. Rmuf 21:34, 11. Aug 2004 (CEST)
- Mit der jetzigen Formulierung bin ich einverstanden. --Trainspotter 00:47, 10. Sep 2004 (CEST)
Wannsee-Konferenz nicht in der Villa der Interpol!
Die Behauptung ist zwar weitverbreitet, nichtsdestoweniger aber ein uralter Käse, der auf einen Fehler Eichmanns im ersten Einladungsschreiben vom 29. November 1941 zurückgeht und gleich korrigiert wurde. Heydrichs Dienststelle als Präsident der Internationalen Kriminalpolizeilichen Organisation war in Berlin, Am Kleinen Wannsee Nr. 16 - das Gästehaus des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD hingegen, in dem die Wannsee-Konferenz stattfand, in Berlin, Am Großen Wannsee Nr. 56/58. Man sollte ab und zu mal in die sogar im Internet reichlich vorhandenen Faksimiles der Originale zur Wannsee-Konferenz einen Blick werfen...--Peter Witte 15:29, 11. Sep 2004 (CEST)- ja, siehe auch hier - danke für die korrektur! grüße, Hoch auf einem Baum 17:21, 11. Sep 2004 (CEST)
